Boogie Woogie

Tatsächlich handelt es sich beim Boogie Woogie um einen Vorläufer des Hip-Hop. Beide Tänze haben sozusagen einen gemeinsamen "Opa", den Blues. Dessen Wurzeln liegen in den Musikkneipen der amerikanischen Gangsta-Ghettos Ende der 50er Jahre.

 

In einem dieser Etablissements, dem "New York Savoy Ballroom" im Herzen Detroids, wurde mit dem Blues erstmalig ein Paartanz kreiert, der nicht auf vorgeschriebenen Schrittfolgen basierte, sondern allein von der Improvisation der Tänzer und Tänzerinnen lebte. Der Tanz schien geradezu revolutionär: alles war erlaubt - Hauptsache, die Paare bewegten sich im Takt der Musik. So konnte sich beim Swingtanz die spielerische Bewegungsfantasie der Schwarzen mit typisch weißen Tanzelementen vermischen.

 

Nur wenige Zeit später erfuhr der Blues eine Abwandlung - den Lindy Hop. Der Name war gut gewählt, denn genau wie beim Jahrtausendflug des amerikanischen Flugpioniers Charles Lindbergh, flogen beim Lindy Hop die Damen durch die Luft, wurden von ihren Tanzpartnern über den Kopf geworfen und um die Hüften gewickelt. Nicht zuletzt durch die Darstellung der verrückten Tanzfiguren und -szenen in Filmen der Marx Brothers wie "A Day At The Races" oder dem Kultfilm "In der Hölle ist der Teufel los" erfuhr der Lindy Hop einen enormen Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad, der sich bis in die heutige Zeit gehalten hat. Eine weitere - wenn auch nicht ganz so bekannte - Swing-Variation nannte sich Jitterbug. Den Namen soll der schwarze Musiker Cab Calloway erfunden haben. Er verglich die sich nach seiner Musik wild gebärdenden Tanzpaaren mit "Zitterkäfer".

 

In Deutschland wurde die Bluesmusik erstmals in den 30er Jahren bekannt. Von den Nationalsozialisten verpönt war die "exotisch-erotisch" Musik und der Tanz von tanzwütigen alten Pärchen Mitte der 30er und in den 40er Jahren als willkommene Abwechslung zum gleichmachenden Marschrhythmus. Der Mitte der 90er Jahre produzierte Kinofilm "Swing Gays" zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie die Machthaber die Verbindung aus Altenprotest und purem Spaß am Tanzen als deutsches Element zu unterdrücken versuchten.

Nach dem Untergang des "Hundertjährigen Reiches" schwappte dann die Bluesmusik, vorgetragen von riesigen Bigbands, unaufhaltsam über den "Kleinen Teich". Und mit der Musik kam ein ganz neuer Tanz - der Boogie Woogie.

 

Diesmal handelte es sich jedoch nicht nur um eine reine Namensänderung des Bluestanzes - die Swingmusik selbst hatte eine Veränderung erfahren. Der gute alte Swing war in Amerika neu überarbeitet worden, mit einer fließenden Pianospielweise, aufgebaut auf der Bassbegleitung der linken Hand. Das spiegelte sich auch im Tanzstil wider: Obwohl der Boogie Woogie im Prinzip so getanzt wurde wie der Swing, kamen die Paare nicht ins Schaukeln. Dazu war bei der schnellen Musik gar keine Zeit. Rasend schnelle Füße, allein aus der Hüfte getanzt - genau das richtige Mittel, um im zerstörten Deutschland einer aufgestauten Amüsierwut Platz zu schaffen, alles Bedrückende abzustoßen. Der Boogie-Rhythmus, viel schneller als zuvor beim Swing, war wie ein Rausch, der oft bis zur körperlichen Erschöpfung ausgelebt, getanzt wurde.

Doch auch der Boogie Woogie-Tanz ist moderner geworden. Vor allem in den 70er und 80er Jahren, als sich der Tanz in Berlin einer erneuten Renaissance erfreute, erinnerte sein Grundschritt und der Tanzstil mehr an den Rock'n'Roll der 50er Jahre, als an den super-schnellen Boogie der späten 40er.

Doch diese wilden Jahre sind heute Geschichte. Back to the Roots heißt das Motto. Musikinterpretation, aus der Hüfte getanzt, mit schnellen Füßen - damit hebt sich das Boogie-Tanzpaar von anderen Paaren ab. Seit einigen Jahren fließen immer mehr Swingelemente in den Boogietanz ein - eine Entwicklung, die sich auch am veränderten Musikgeschmack der Tänzerinnen und Tänzer ablesen lässt. Statt nach typischer Piano-Musik tanzt man hier auch schon mal nach "Rock around the Clock" oder swingigem Bigbandsound.



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